Ein seltsames Tagebuch, entstanden 1978
Wandertag d. 18. Mehlsack - Als ich heute morgen aufwachte, hatte ich das Gefühl niesen zu müssen. Weil ich kein Taschentuch hatte, reichte ich dem Hamster, der auf meinem Bett saß einen Regenschirm um sich zu schützen. Der Hamster wollte aber gerade einen Brief frankieren und die Gelegenheit nutzen, indem er mir die Briefmarke vor die Nase hielt. Da verging mir das Niesen und ich setzte den Hamster ins Klavier zurück. Dann ging ich erst einmal zum Bäcker um ein frisches Toastbrot zu kaufen. Weil ich meine Turnschuhe vergessen hatte, stolperte ich und verlor mein Gedächtnis. Deshalb kaufte ich statt des Toastbrotes ein Radiergummi und einen Blumentopf und trank zum Frühstück Apfelsaft.
Rohrstock d. 45. Karpfen - Heute mittag schmeckte mir der Apfelsaft nicht mehr und so nahm ich ein Radiergummi und radierte ihn auf der Speisekarte aus. Den Rest schüttete ich in den Blumentopf, in dem meine neuen Turnschuhe wuchsen. Danach bekam ich Besuch von einem Hamster, dem ich ein Stück auf dem Klavier vorspielte. Aus Dankbarkeit rührte er diesmal mein Toastbrot nicht an, sondern bat mich lediglich, ihm die Briefmarke aufs Fell zu kleben, damit die Post ihn nach Hause befördern würde. Ich schlug jedoch vor, ihn erst in ein Taschentuch zu wickeln, wovon er so begeistert war, daß er mir dafür seinen Regenschirm schenkte.
Breitag d. 5. Plumps - Heute morgen brachte mir der Briefträger ein Päckchen, auf dem die Briefmarke fehlte. Da ich kein Geld im Haus hatte, konnte ich das Strafporto nicht bezahlen. Das tat dem Briefträger so leid, daß er anfing zu weinen. Deshalb lieh ich ihm mein Taschentuch und bot ihm statt des Geldes meinen Regenschirm und meinen Hamster an. Er war einverstanden und ich dankte ihm sehr. Als ich zum Fenster ging, um ihm nachzuwinken, stolperte ich über meine Turnschuhe und riß dabei einen Blumentopf von der Fensterbank. Das war eine ganz schöne Schweinerei, denn ich mußte den Dreck mit dem Radiergummi wegradieren. Aus den Scherben bastelte ich ein Klavier. In dem Päckchen war ein Toastbrot und ein Glas Apfelsaft.
Spartag d. 87. Blei - Den ganzen Tag hatte ich verzweifelt nach meiner Briefmarke gesucht, bis mir mein Hamster gestand, daß er sie gegen das Toastbrot getauscht hatte, das er zum Frühstück geholt hatte. Daraufhin wurde ich so wütend, daß ich ihn, nachdem ich mir die Tränen mit seinem Taschentuch aus den Augen gewischt hatte, ohne Regenschirm unter die Dusche stellte. Danach zog er sich beleidigt in seinen Blumentopf zurück, kam aber nach einer Weile wieder hervor, um sich zu entschuldigen. Ich gestand ihm ein, daß wir uns wirklich nicht gut hätten weiter nur von Radiergummis ernähren können, doch er bestand darauf, mir zum Trost etwas heiteres auf dem Klavier vorzuspielen, wozu er mir noch ein Glas Apfelsaft servierte.
Blaubatz d. 5. Matsch - Heute nacht habe ich von einem Hamster geträumt, der auf einem fliegenden Taschentuch dahinschwebte. Plötzlich setzte ein heftiger Apfelsaftregen ein, der dazu führte, daß das Taschentuch völlig durchnäßte und abzustürzen drohte. Ich konnte dem Hamster gerade noch meinen Regenschirm zuwerfen, mit dem er sanft zu Boden glitt. Der Regen hörte nicht auf, und bald stand der Apfelsaft so hoch, daß der Hamster schwimmen mußte. Ich lieh ihm einen meiner Turnschuhe als Boot, doch bald stand auch mir der Saft bis zum Hals, und ich konnte gerade noch ein in der Nähe stehendes Klavier erreichen, das ich mit einem alten Blumentopf teilen mußte. Bevor ich aufwachte konnte ich gerade noch erkennen, daß der Hamster verzweifelt versuchte, ein Radiergummi und eine zahnlose Briefmarke zu retten, die auf einem absaufenden Toastbrot Zuflucht gesucht hatten.
Blankzeug d. 27. First - Heute morgen flickte ich meinen Klappstuhl mit einer Plastiktüte und benutzte den Dosenöffner als Schuhanzieher, weil ich diesen wiederum als Teelöffel brauchte. Plötzlich begann mein Kanarienvogel, den ich im Papierkorb hielt, ein fröhliches Lied zu pfeifen, das ich sofort in meinem Notizbuch festhielt. Dann wechselte ich die Glühbirne in meiner Taschenlampe.
Ticktack d. 3. Teer - In der Stadt traf ich meinen ehemaligen Schuhanzieher, der sehr traurig war, weil ihm sein Kanarienvogel fortgeflogen war. Ich fragte ihn, wie es dazu kommen konnte, worauf er mir gestand, daß es dem Vogel schon lange nicht mehr bei ihm gefallen habe. Er habe sich bitter darüber beklagt, daß der Papierkorb in seinem Käfig nur einmal am Tag geleert werde und daß die Glühbirne in seiner Nachttischlampe viel zu schwach sei, so daß er die Taschenlampe benutzen mußte, um die Noten für sein Abendlied zu lesen. Am frühen Morgen habe er dann seinen Käfig mit dem Dosenöffner aufgebrochen und mit dem Teelöffel eine Fensterscheibe eingeworfen, durch die er dann entflogen ist. Ich riet meinem alten Schuhanzieher, sich einen Klappstuhl und eine Plastiktüte zu kaufen.
Tischtuch d. 67. Brotkammer - Heute habe ich einen Ausflug zum Teelöffel gemacht, den ich in einer Plastiktüte überquerte, um eine mitten darin liegende Glühbirne zu erreichen, auf der ein großer Papierkorb stand, der, wie mir der dortige Kanarienvogel aus seinem Notizbuch vorlas, vor langer Zeit von den Dosenöffnern als Festung gebaut worden war, heute jedoch nur noch als Klappstuhl von den Touristen benutzt wird. Besonders eindrucksvoll war auch die am Ufer gelegene Taschenlampe. Für den Rückweg benutzte ich einen Schuhanzieher.
Copyright © 1978 by Hartmut Schwarz