Weile Eile Inhalt

Die dritte Geschichte

vom Rumhängen und Quatschmachen und vom pfefferminzgrünen Fledermaushemd

I got no deeds to do, no promisses to keep
I'm dabbled and drowsy and ready to sleep

Eines Tages, es war der letzte Tag vor Mondkinds siebtem Geburtstag, da saßen die Mondkindmutter, der Mondkindvater und das Mondkind in der Küche am Frühstückstisch und das Mondkind sprach zu seinen Eltern: »Liebe Mama, lieber Papa, manche Tage sind nicht für Abenteuer gemacht, und für solche Tage gibt es ein besonderes Spiel, und es gibt etwas, was man für dieses Spiel unbedingt braucht. Viele Sonnenkinder haben es schon, und bald werden es alle Sonnenkinder haben, und dann müßte ich traurig sein, wenn ich es nicht hätte. Und damit ihr wißt, was ich meine, sage ich euch jetzt: Das Spiel heißt Rumhängen, und man braucht dafür unbedingt ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd.«

Der Mondkindvater aber hatte noch nie von einem Spiel gehört, das Rumhängen heißt, und so mußte Mondkind es ihm erklären: »Also, rumhängen können wir überall, zum Beispiel auf der Brücke, an der Kreuzung, bei der Autogarage, bei den Sandbergen, im Park, auf dem Spielplatz oder auf der Eisterrasse, also eigentlich wirklich überall. Wenn es regnet, dann hängen wir meistens im Treppenhaus oder im Sonnenstudio rum.«

»Es heißt aber nur Rumhängen«, erklärte Mondkind weiter, »denn meistens hängen wir nicht wirklich, wir sitzen oder wir liegen oder wir lehnen uns an. Nur, wenn wir auf dem Spielplatz rumhängen, dann baumeln wir manchmal am Klettergerüst und lassen unsere Köpfe nach unten hängen. Das Rumhängen fängt damit an, daß wir uns irgendwo verabreden. Wir kommen aber niemals alle gleichzeitig dorthin, nein, wir trudeln eher so nach und nach ein, und immer, wenn ein Kind dazukommt, dann sagt es 'Hallo Leute, was gibt's Neues?', und dann setzt oder legt es sich zu den anderen, und wir plaudern ein wenig, oder wir dösen nur so ins Blaue und denken an schöne Dinge, oder wir machen Quatsch.«

Die Mondkindmutter aber wußte überhaupt nicht, was Quatschmachen bedeutet, und so mußte Mondkind es ihr erklären: »Also, es gibt keine besondere Vorschrift zum Quatschmachen. Nein, Quatsch kann man auf hunderttausend verschiedene Weisen machen. Damit du aber ungefähr weißt, was ich meine, sage ich dir drei Beispiele.«

»Zum Beispiel« begann Mondkind mit dem ersten Beispiel, »wenn wir im Park rumhängen, dann fragen wir einen Spaziergänger, wie spät es ist. Der Spaziergänger guckt dann auf seine Uhr und sagt zum Beispiel, daß es viertel nach drei ist, und wenn der Spaziergänger weitergegangen ist, dann lachen wir alle, denn zum Rumhängen braucht man überhaupt nicht zu wissen, wie spät es ist. Besonders lustig ist es, wenn derselbe Spaziergänger zurückkommt und wir ihn gleich noch einmal fragen können.«

»Ein anderes Beispiel ist, wenn wir auf der Brücke rumhängen. Dann sitzen wir so eng, daß niemand mehr über die Brücke gehen kann. Wenn dann ein Spaziergänger kommt, dann geben wir vor, ihn nicht zu sehen, und der Spaziergänger muß erst fragen, ob er bitte einmal über die Brücke gehen darf. Und wir sind furchtbar nett zu ihm und machen uns ganz dünn und entschuldigen uns vielmals, daß wir ihn nicht gesehen haben, und dann lachen wir, und der Spaziergänger macht so ein komisches Gesicht, weil er überhaupt nicht verstehen kann, worüber wir lachen.«

»Das dritte Beispiel ist, wenn wir im Treppenhaus rumhängen. Manchmal drücken wir dabei aus Versehen auf alle Klingelknöpfe. Dann rennen wir aber ganz schnell fort und verstecken uns im Sonnenstudio. Die Nachbarn werden nämlich immer so wütend, besonders die von ganz oben. Und siehst du Mama, du mußt dich nun nicht mehr wundern, wenn es bei uns an der Tür klingelt und niemand da ist. So, das waren meine drei Beispiele, und ich glaube, du weißt jetzt, was ich meine.«

Ja, die Mondkindmutter wußte es nun, aber der Mondkindvater hatte noch nicht verstanden, warum die Kinder zum Rumhängen ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd brauchten, und so mußte Mondkind es ihm erklären.

»Ja«, sprach das Mondkind, »alles, was ich euch erzählt habe, kann man auch ohne ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd machen, nur, daß man nicht das richtige Gefühl dabei hat, und du kannst eigentlich nicht sagen, daß du rumhängst, wenn du nicht das richtige Gefühl dabei hast. Und um dieses Gefühl zu bekommen, brauchst du ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd. Damit du aber ungefähr weißt, wie es sich anfühlt, singe ich dir jetzt das pfefferminzgrüne Fledermauslied.« Und Mondkind sang das pfefferminzgrüne Fledermauslied, und das ging so:

Halt ein und ruh dich aus
Die Zeit verrinnt, mach dir nichts draus
Und schlüpfe in dein Fledermaushemd
Das ist so schön und
Pfefferminzgrün

La la la lah la, lah la
Pfefferminzgrün

Hallo Leute, was gibt's Neues
Ich häng' hier rum und denk' was Blaues
Doch mir fällt heut nichts mehr ein
Twiet du du duh
Pfefferminzgrün

La la la lah la, lah la
Pfefferminzgrün

Ich hab' heut nichts zu tun, niemand wartet auf mich
Drum lass' ich mich treiben und schlafe gleich ein
Oh, ich möchte nur träumen im Fledermaushemd
Und so leb' ich
Pfefferminzgrün

La la la lah la, lah la
La la la lah la, lah la
Lah la, lah la, lah la ...
Pfefferminzgrün

(Nach dem amerikanischen Fledermauslied »The 59th Street Bridge Song (Feelin' Groovy)« von Paul Simon, © 1966 CBS Inc.)

Als das Lied zu Ende war, da hatten sich die Mondkindmutter und der Mondkindvater in ihren Stühlen zurückgelehnt und die Füße auf den Tisch gelegt, und sie dösten vor sich hin, und Mondkind lachte, und der Vater sprach auf einmal im Plauderton: »Ach Mondkind, das muß ein schönes Gefühl sein, und ich weiß jetzt genau, was du meinst.« - »Ja, es ist bestimmt ein schönes Gefühl«, sagte da auch die Mutter. »Ach, und übrigens, morgen feiert unser Mondkind ja seinen siebten Geburtstag, und da weiß ich jetzt etwas Wunderbares, was wir ihm schenken können und worüber es sich sehr freuen wird, und das ist ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd.« - »O gewiß, ein wunderbares Geschenk«, plauderte der Mondkindvater weiter, »wenn man nur wüßte, wie solch ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd aussieht.« - »Übrigens, das merkwürdige ist ja«, fiel Mondkind in das Geplauder ein, »daß niemand weiß, wie ein pfefferminzgrünes Fledermaushemd aussieht, aber wenn du es siehst, dann weißt du gleich, daß es dein pfefferminzgrünes Fledermaushemd ist.«

Ein grünes Sweatshirt Ein weißes Matrosenhemd mit blauem Kragen Eine bunt gesprenkelte Sommerbluse Eine warme Winterjacke
Probier's mal an! So könnte es zum Beispiel aussehen!
Bild 4: »Aber wenn du es siehst, dann weißt du gleich, daß es dein pfefferminzgrünes Fledermaushemd ist.«

Und so verplauderten und verdösten das Mondkind und seine Eltern den ganzen Tag, und am nächsten Morgen gab es zu Mondkinds Geburtstag weder einen Geburtstagskuchen noch ein Geschenk. Aber das war nicht schlimm. Mondkind hatte sich sowieso mit den Sonnenkindern zum Rumhängen auf der Eisterrasse verabredet. Vorher haben die Eltern mit Mondkind noch einen Einkaufsbummel gemacht, und da hat sie auch gleich ihr pfefferminzgrünes Fledermaushemd entdeckt, und die Mutter hat es gekauft und ihrem Mondkind zum Geburtstag geschenkt. Der Mondkindvater aber schenkte dem Mondkind ein grünes Notizbuch, und dorthinein schrieb Mondkind das pfefferminzgrüne Fledermauslied. »Aber«, so sprach das Mondkind, »eine pfefferminzgrüne Fledermausliste braucht man eigentlich nicht, denn das pfefferminzgrüne Fledermaushemd kann man wirklich zu nichts anderem gebrauchen, als zum Rumhängen.«

Ja, nun war Mondkind so glücklich, und es gab nichts auf der Welt, was sie sich noch wünschte, wenn sie nur ihr rotes Käppchen, ihre zitronengelben Springstiefel und ihr pfefferminzgrünes Fledermaushemd hatte. Und wenn euch das rote Käppchen, die zitronengelben Springstiefel und das pfefferminzgrüne Fledermaushemd genug sind, dann dürft ihr jetzt mit den Sonnenkindern rumhängen. Wer aber mehr will, der soll noch zur nächsten Geschichte bleiben.

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